Ganzheitliche Gesundheit

Gesundheit beschreibt laut WHO-Definition den Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens; somit ist sie abhängig von inneren/persönlichen und äußeren/gesellschaftlichen Einflüssen. Fächerübergreifende Disziplinen wie die Psychosomatik, Somatopsychologie oder Ernährungsmedizin zeugen von einem wachsenden ganzheitlichen Denkansatz in der modernen medizinischen Versorgung. Die Endocannabinoidmedizin, welche an der Schnittstelle von Psyche und Körper wirkt, könnte bei vielen entzündlichen und psychischen Erkrankungen in Zukunft eine Schlüsselrolle einnehmen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nimmt seit 1946 in Ihrer Definition von Gesundheit eine ganzheitliche Sichtweise ein und beschreibt diese als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“1. Die neueren Konzepte sehen (etwas verallgemeinert) den Menschen als ein strukturiertes, nach außen offenes System, dessen Teile in wechselseitiger Beziehung zueinander, zur Gesamtheit und zur Außenwelt stehen. Die hier einwirkenden Faktoren seien:

  • die eigene Person (verstanden als Einheit von Körper und Geist, d.h. physischer und psychischer Einflussfaktoren)
  • die soziale Umwelt (Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Gesellschaft, Kultur)
  • die natürliche Umwelt (Wasser, Boden, Luft, Klima und in Konsequenz: Nahrung)
  • die künstliche Umwelt (Technik und Wissenschaften, Wohnstätten, physikalische und chemische Einflüsse wie z.B. Strahlung oder Umweltgifte, aber auch Heilmittel)
  • Übersinnliches / Spiritualität (Religion, Glaube – wahrscheinlich eng mit psychischen und sozialen Einflussfaktoren verknüpft; manifestiert sich u.U. auch im sogenannten Placebo-Effekt).

In seinem Werk „Lob der Heilkunst“ beschrieb bereits 1518 Erasmus von Rotterdam die Medizin als eine Tätigkeit, bei der es wie in der Theologie um den „ganzen Menschen“ gehe. In der Tat ist es bei Naturvölkern der Schamane (bzw. Medizinmann, Curandero) der sich gleichermaßen sowohl dem körperlich-geistigen Wohl jedes Einzelnen wie auch dem sozialen Zusammenhalt und der Durchführung religiöser Riten und Bräuche in seinem Dorf/Stamm widmet.

Während man sich über einige ganzheitliche Konzepte (z.B. Geistheilung, Homöopathie) sicherlich streiten kann, können wissenschaftlich begründete ganzheitliche Gesundheitskonzepte wie die Psychosomatik (beschäftigt sich mit dem Einfluss der Psyche auf physiologische Prozesse), Somatopsychologie (beschäftigt sich mit dem Einfluss körperlicher Leiden auf die Psyche) oder auch die Ernährungsmedizin (beschäftigt sich mit Ernährung zur Prävention, Heilung und Linderung von Krankheiten) inzwischen von niemandem mehr ernsthaft angezweifelt werden.

So ist z.B. bekannt, dass entzündliche Erkrankungen oder ein Mangel an bestimmten Mikronährstoffen wie Magnesium oder Vitamin B12 depressive Episoden auslösen können, andererseits psychosoziale Stressoren (z.B. unglückliche Ehe, Mobbing am Arbeitsplatz) das Risiko für verschiedene körperliche Erkrankungen (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs) erhöhen.

Auch das Endocannabinoidsystem (ECS) spielt fächerübergreifend für verschiedene medizinische, natur- und geisteswissenschaftliche Disziplinen eine Rolle, steht es doch an der Schnittstelle zwischen Nerven- und Immunsystem; Cannabinoid-Medizin ist ein gesellschaftspolitisch hart umkämpftes Thema und zeigt sowohl bei psychischen als auch körperlichen Leiden Potential für therapeutische Interventionsmöglichkeiten. Wissenschaftler bezeichnen das ECS inzwischen metaphorisch als einen „Mikrokosmos der Psychoneuroimmunologie bzw. der Körper-und-Geist-Medizin“3.

Zuerst das Wort – dann die Pflanze – zuletzt das Messer!

- Aseskulap

Dieser Ausspruch ist der Legende nach Leitspruch des griechischen Gottes der Heilkunst, Aeskulap. Es wurde neben der medizinischen Behandlung, die auch die tiefenpsychologische Aufarbeitung von Träumen und Ereignissen beinhaltete, einst auch für Entspannung und Heiterkeit (z.B. Kulturveranstaltungen, Musik, körperliche Bewegung) gesorgt, um dem kranken Menschen eine ganzheitliche Heilungschance zu geben. Sollte die medizinische Versorgung 3000 Jahre später sich wieder vermehrt ihrer eigenen Grundsätze besinnen? Neue interdisziplinäre und unkonventionelle Therapieansätze deuten darauf hin4.

Share on facebook
Share on twitter
Share on pinterest
Share on email
Share on print

[1] http://www.who.int/about/mission/en/

[2] Christian Hick: Ethik, medizinische (Neuzeit). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4

[3] McPartland JM, Guy GW, Di Marzo V. Care and Feeding of the Endocannabinoid System: A Systematic Review of Potential Clinical Interventions that Upregulate the Endocannabinoid System. Romanovsky AA, ed. PLoS One. 2014;9(3):e89566. doi:10.1371/journal.pone.0089566

[4] Jungaberle H, Thal S, Zeuch A, et al. Positive psychology in the investigation of psychedelics and entactogens: A critical review. Neuropharmacology. June 2018. doi:10.1016/j.neuropharm.2018.06.034