Personalisierte Medizin

Persönlichkeit, Lebensereignisse, genetische Prädisposition, Lebensstil, Geschlecht, Alter und soziales Umfeld sind nur einige von vielen Beispielen, wie individuelle Faktoren unsere Gesundheit und mögliche Krankheitsverläufe beeinflussen. Neue Erkenntnisse der Grundlagenforschung zu den molekularen Prozessen des Lebens erweitern stetig das Verständnis von Gesundheit und Krankheit, doch es dauert lange, bis Patienten davon profitieren können. Das von der EU forcierte Konzept einer personalisierten Medizin stellt nicht weniger als einen Paradigmenwechsel in der Patientenversorgung dar, der wegführt von dem bisher verfolgten Ansatz evidenzbasierter Medizin („One-size-fits-all“). Wie andere Pharmazeutika auch wird Cannabis vermutlich nicht jedem einzelnen helfen können, aber durchaus viele Einzelschicksale positiv beeinflussen, bei bekanntem sehr günstigem Sicherheitsprofil und vorwiegend milden Nebenwirkungen. Mit der von der Bundesopiumstelle kontrollierten Begleiterhebung können Ärzte nun dazu beitragen, dass es in Zukunft besser belegbare Aussagen zu Effizienz und Verträglichkeit Cannabis-basierter (Zusatz-) Medikationen für spezifische Indikationen geben wird.

Jeder Mensch ist einzigartig: Persönlichkeit, Lebensereignisse, genetische Prädisposition, Lebensstil, Geschlecht, Alter und soziales Umfeld sind nur einige von vielen Beispielen, wie individuelle Faktoren unsere Gesundheit und mögliche Krankheitsverläufe beeinflussen. Neue Erkenntnisse der Grundlagenforschung zu den molekularen Prozessen des Lebens erweitern stetig das Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Die individualisierte Medizin will dieses Wissen für alle nutzbar machen: für maßgeschneiderte Prävention, Diagnose und Therapie.

Oberstes Ziel ist, dass Patienten schneller von neuen medizinischen Therapieansätzen und Produkten profitieren können. Dazu sollen Experten aus Wissenschaft, Klinik und Wirtschaft in neuen Partnerschaften für die Bereiche Diagnostik und Therapie zusammenarbeiten.

Viele der häufig verordneten Medikamente, deren Wirksamkeit und Sicherheit in großen randomisierten klinischen Studien statistisch belegt wurden, zeigen trotzdem bei der Behandlung einer großen Anzahl von Patienten schlechte oder gar keine erwünschte Wirkung und mehr als sechs Prozent der akuten Krankenhauseinweisungen werden durch schwerwiegende Nebenwirkungen dieser Medikamente verursacht. Darüber hinaus steigen die Gesundheitskosten in der EU wegen dem demographischen Wandel und der Zunahme an chronischen Krankheiten.

Der durch die EU geförderte moderne Ansatz der personalisierten Medizin betrifft nicht nur Arzneimittel, sondern generell ein besseres Verständnis der biologischen Mechanismen und Umweltwechselwirkungen, die Gesundheit und Krankheit bestimmen und soll in Zukunft das gesamte Kontinuum von Gesundheitsforschung bis Patientenversorgung, z.B. durch Berücksichtigung bei Anamnese und Diagnosestellung, verändern. Das Konzept der personalisierten Medizin stellt nicht weniger als einen Paradigmenwechsel dar, der wegführt von dem bisher verfolgten Ansatz evidenzbasierter Medizin („One-size-fits-all“) bei der Behandlung und Pflege von Patienten mit spezifischen Erkrankungen.

Die personalisierte Medizin wirft grundlegende ethische, rechtliche und ökonomische Fragen auf: Verlassen wir uns nicht besser weiterhin auf statistische Durchschnittswerte, um das beste Medikament zu finden? Ist es nicht unmoralisch, ein Medikament off-label oder no-label zu verschreiben? Wer bezahlt einen nicht-evidenzbasierten Behandlungsversuch? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn dabei etwas schief geht? Um sich dieser gesamtgesellschaftlichen Herausforderung zu stellen und sie zu meistern, fördert die EU bzw. in Deutschland das Bundesministerium für Bildung und Forschung entsprechende Begleitforschung sowie Informations- und Diskussionsplattformen.

Die pharmakologischen Wirkungen von Cannabis sind beispielsweise klinisch evident, aufgrund von gesellschaftspolitischen Forschungshemmnissen besitzt Cannabis-Medizin bisher jedoch nur für wenige Indikationen (Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie, Appetitlosigkeit und Kachexie bei HIV oder Krebs, neuropathische und chronische Schmerzen sowie Spastik bei MS) eine offizielle arzneimittelrechtliche Zulassung.

Die off-label bzw. no-label Verwendung von nicht zugelassenen Cannabinoid-Medikamenten ist daher die Regel. Dabei zeigt die praktische Erfahrung auch aus anderen Ländern wie Israel, Kanada und den USA, dass das therapeutische Potential von Cannabis offenbar nicht auf einzelne Indikationen beschränkt ist. Dies verwundert nicht weiter, bedenkt man die primäre Funktion des Endocannabinoidsystems als Neuro- und Immunmodulator (beides übergeordnete Kontrollinstanzen des Organismus). Wie andere Pharmazeutika auch wird Cannabis vermutlich nicht jedem einzelnen helfen können, aber eben durchaus vielen Patienten und Einzelschicksalen, zumindest palliativ (z.B. durch signifikante Verbesserung der individuell empfundenen Lebensqualität), und dies bei bekanntem sehr günstigem Sicherheitsprofil und vorwiegend milden Nebenwirkungen.

Der medizinische Dienst vieler Krankenkassen scheint den Willen des Gesetzgebers sowie die EU Strategie hin zur personalisierten Medizin noch nicht verinnerlicht zu haben, denn Anträge zur Kostenübernahme von Cannabisverordnungen werden zurzeit noch öfter abgelehnt als bewilligt und mehrere Klagen wurden seit März 2017 bereits eingereicht. So geschehen beispielsweise im Rahmen der Behandlung von Schmerzen bei Fibromyalgiesyndrom (FMS). In der Ablehnungsbegründung nimmt man Bezug auf die Fibromyalgie-Leitlinie der AWMF, wonach Cannabinoide zum Einsatz bei Fibromyalgie nicht empfohlen werden; diese beruft sich allerdings nur auf Meta-Studien, nicht auf Erkenntnisse aus der Primärliteratur, wo die Wirkung durchaus nachgewiesen wurde. Dr. med. Oliver M.D. Emrich vom Regionalen Schmerz- und Palliativzentrum DGS Ludwigshafen hält in einem in der deutschen Ärztezeitung veröffentlichten Artikel daher auch dagegen:

Niemand ist berechtigt, in der derzeitigen Situation einen kategorischen Imperativ gegen den Einsatz von Cannabinoiden bei FMS zu formulieren, was dann noch der MdK dazu benutzt, eine Ablehnung der Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse zu empfehlen! So jedenfalls geht Wissenschaft und evidence based medicine (EBM) nicht! In dubio pro reo, neque contra reum.

- Dr. med. Oliver M.D. Emrich

Im Sinne eines personalisierten Therapieansatzes ist jeder Arzt in Deutschland zwischen 2017 – 2022 verpflichtet, Patientendaten zur (begleitenden) off-label und no-label Therapie mit Cannabis und dessen Zubereitungen anonymisiert an ein zentrales Register der Bundesopiumstelle zu übermitteln (Begleiterhebung). So können Ärzte nun also dazu beitragen, dass es in Zukunft besser belegbare Aussagen zu Effizienz und Verträglichkeit Cannabis-basierter (Zusatz-) Medikationen für spezifische Indikationen gibt.

https://www.bmbf.de/de/individualisierte-medizin-378.html

https://ec.europa.eu/research/health/index.cfm?pg=policy&policyname=personalised

https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/schmerz/article/969646/schmerzexperte-cannabis-keine-empfehlung-fibromyalgie.html

https://www.begleiterhebung.de/