Substanz-induzierte Psychose und Schizophrenie

Viele Ärzte und Patienten fürchten, dass Cannabismedizin eine drogeninduzierte Psychose oder Schizophrenie auslösen kann. Die Cannabis-Psychose, welche den psychotischen Schüben einer paranoiden Schizophrenie symptomatisch ähnlich ist, hat gegenüber anderen Drogenpsychosen (auch: Alkohol) jedoch zumindest die günstigste Prognose. Es ist nicht neu, dass regelmäßiger Cannabis-Konsum mit dem Auftreten schizophrener Erkrankungen korreliert, besonders wenn der Konsum bereits in der Pubertät begann. Weniger bekannt ist, dass dieser Zusammenhang wahrscheinlich nicht kausal ist, sondern nur korreliert. Psychische Störungen wie die Schizophrenie werden durch aktuelle und chronische Stressoren unterschiedlicher Art (sozial, psychologisch, biologisch) vor dem Hintergrund einer erhöhten „Anfälligkeit“ (aufgrund von genetischen, kognitiven wie auch externen Faktoren) ausgelöst. Cannabidiol (CBD) aus Cannabis besitzt im Gegensatz zu THC antipsychotische Eigenschaften bei günstigerem Nebenwirkungsprofil als herkömmliche Neuroleptika.

Eine der größten Vorbehalte gegen die Verwendung von Cannabis als Medizin ist wohl die große Angst vor einer substanz-induzierten Psychose (Drogenpsychose) bzw. dem möglichen Auslösen einer Schizophrenie in dafür anfälligen Individuen. Doch wie groß ist das Risiko wirklich?
Als Psychosen werden Krankheitsbilder zusammengefasst, die u.a. mit Realitätsverlust, Wahnvorstellungen, Störungen des Denkens, der Sprache und der Gefühlswelt verbunden sind. Eine Drogenpsychose wird durch den Konsum von Drogen (Kokain, Heroin, Amphetamin, Halluzinogene, Alkohol oder Cannabis) hervorgerufen, zum Teil schon beim ersten Kontakt, und kann unter Umständen irreversibel sein bzw. einen chronischen Verlauf nehmen, wird der Konsum nicht eingestellt. Der psychotische Verlauf und die Symptomatik sind abhängig von der induzierenden Droge; man unterscheidet zwischen vorwiegend halluzinatorischen, vorwiegend affektiven, vorwiegend polymorphen, vorwiegend wahnhaften und schizophreniformen Subtypen. Die Cannabis-Psychose ähnelt dabei sehr den psychotischen Schüben einer paranoiden Schizophrenie; daher ist eine exakte Unterscheidung alleine durch Beobachtung des Patienten schwierig. Im Vergleich mit allen anderen genannten Drogenpsychosen hat die Cannabis-Psychose zumindest die günstigste Prognose.1

Im Unterschied zu einer „echten“ psychiatrischen Grunderkrankung wie der Schizophrenie erkennt ein Drogenkonsument mit psychotischen Symptomen häufig auch innerhalb seines Rausches, dass die wahrgenommenen Halluzinationen durch die Drogen ausgelöst und damit nicht real sind. Quasi-psychotische, vorübergehende Zustände, ausgelöst z.B. durch die Verabreichung von Psychedelika (serotonerge Halluzinogene wie LSD oder Psilocybin) und Entaktogenen (wie MDMA) scheinen nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nur pathologische, sondern auch therapeutische Möglichkeiten zu bieten und erleben zurzeit eine Renaissance in Grundlagen- und klinischer Forschung.2,3,4

Es ist nicht neu, dass regelmäßiger Cannabis-Konsum mit dem Auftreten schizophrener Erkrankungen korreliert, besonders wenn der Konsum bereits in der Pubertät begann. Weniger bekannt ist, dass dieser Zusammenhang wahrscheinlich nicht kausal ist (d.h. Cannabiskonsum Schizophrenie verursacht), sondern nur korreliert (d.h. psychisch / genetisch Vorbelastete vermehrt als Gesunde dazu tendieren, ihren Bewusstseinszustand z.B. durch Drogenkonsum zu verändern).5,6

Nach dem allgemein anerkannten Vulnerabilitäts-Stress-Modell nach Nüchterlein und Liberman entstehen psychische Störungen wie die Schizophrenie durch aktuelle und chronische Stressoren unterschiedlicher Art (sozial, psychologisch, biologisch) vor dem Hintergrund einer erhöhten „Anfälligkeit“ (aufgrund von genetischen, kognitiven wie auch externen Faktoren), vgl. Abb. 1.

Abb. 1 Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Kompetenz-Modell (adaptiert aus: Nüchterlein und Dawson, 1984)

Aus post-mortem Untersuchungen und modernen bildgebenden Verfahren (MRT, PET) weiß man, dass die Gehirne von Schizophrenie-Patienten histo-architektonische Abnormalitäten aufweisen, unter anderem sowohl qualitative als auch quantitative Veränderungen vor allem in Temporallappen, Frontallappen und Ventrikeln. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Veränderungen solchen Ausmaßes durch den Konsum von Cannabis entstehen, welches lediglich die Neurotransmission moduliert. Da inzwischen mehrere Gen-Mutationen identifiziert wurden, welche mit der Entwicklung von Schizophrenie korrelieren und auch Verwandtschaftsanalysen zeigen, dass die Anfälligkeit für Schizophrenie erblich ist, ist das Szenario einer grundlegend fehlerhaften neuronalen Entwicklung bzw. psychosozialer Faktoren zur Ätiologie wahrscheinlicher.7

Eine 2018 publizierte Studie8 verglich sogar mütterlichen und väterlichen Cannabiskonsum während der Schwangerschaft, um die kausalen Einflüsse der intrauterinen Cannabisbelastung während der fötalen neurologischen Entwicklung zu untersuchen. Es machte hinsichtlich des erhöhten Risikos für psychotische Episoden in der Nachkommenschaft interessanterweise überhaupt keinen Unterschied, ob es Mutter oder Vater war, der während der Schwangerschaft Cannabis konsumierte, was gegen einen kausalen Zusammenhang des Konsums spricht.

Neuroleptika (reduzieren Emotionen und psychomotorische Aktivität) wirken vor allem auf den Dopamin-Stoffwechsel ein. Da die dopaminerge Neurotransmission großen Einfluss auf Bewegungsabläufe nimmt, sind hier die gravierendsten Nebenwirkungen (bis hin zu Parkinson-ähnlichen Symptomen) zu verzeichnen. Andere Neuroleptika führen oft zu starker Gewichtszunahme und Diabetes mellitus. Diese Nebenwirkungen können so belastend sein, dass die Betroffenen die Behandlung oft abbrechen. Aus diesem Grund suchen Wissenschaftler nach modernen, nebenwirkungsärmeren Medikamenten.

Cannabidiol (CBD) ist ein natürlicher Bestandteil der Cannabispflanze, die im Gegensatz zum THC einen antipsychotischen Effekt besitzt und dem Rauscheffekt von THC entgegenwirkt.9 Aktuelle wissenschaftliche und klinische Studien unterstreichen das Potenzial von CBD zur Behandlung einer Vielzahl von Erkrankungen und Störungen, u.a. der Schizophrenie. Für CBD konnte in Studien ein verbessertes Nebenwirkungsprofil bei beständiger anti-psychotischer Wirkung nachgewiesen werden (keine Gewichtszunahme, kein Anstieg des Prolaktin, keine Bewegungsstörung), was unter anderem an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité aktuell im Detail untersucht wird.10

[1] http://flexikon.doccheck.com/de/Drogenpsychose

[2] Carhart-Harris RL, Bolstridge M, Rucker J, et al. Psilocybin with psychological support for treatment-resistant depression: an open-label feasibility study. The Lancet Psychiatry. 2016;3(7):619-627. doi:10.1016/S2215-0366(16)30065-7

[3] Mithoefer MC, Mithoefer AT, Feduccia AA, et al. 3,4-methylenedioxymethamphetamine (MDMA)-assisted psychotherapy for post-traumatic stress disorder in military veterans, firefighters, and police officers: a randomised, double-blind, dose-response, phase 2 clinical trial. The Lancet Psychiatry. 2018;5(6):486-497. doi:10.1016/S2215-0366(18)30135-4

[4] Jungaberle H, Thal S, Zeuch A, et al. Positive psychology in the investigation of psychedelics and entactogens: A critical review. Neuropharmacology. June 2018. doi:10.1016/j.neuropharm.2018.06.034

[5] Pasman JA, Verweij KJH, Gerring Z, et al. GWAS of lifetime cannabis use reveals new risk loci, genetic overlap with psychiatric traits, and a causal influence of schizophrenia. Nat Neurosci. August 2018:1. doi:10.1038/s41593-018-0206-1

[6] Manseau MW, Goff DC. Cannabinoids and Schizophrenia: Risks and Therapeutic Potential. Neurotherapeutics. 2015;12(4):816-824. doi:10.1007/s13311-015-0382-6

[7] Principles of Neuropsychopharmacology; Chapter 18: Schizophrenia. Robert S. Feldman, Jerrold S. Meyer, Linda F. Quenzer. ISBN-10: 0878931759; ISBN-13: 978-0878931750

[8] Bolhuis K, Kushner SA, Yalniz S, et al. Maternal and paternal cannabis use during pregnancy and the risk of psychotic-like experiences in the offspring. Schizophr Res. July 2018. doi:10.1016/j.schres.2018.06.067

[9] Schubart CD, Sommer IEC, van Gastel WA, Goetgebuer RL, Kahn RS, Boks MPM. Cannabis with high cannabidiol content is associated with fewer psychotic experiences. Schizophr Res. 2011;130(1-3):216-221. doi:10.1016/j.schres.2011.04.017

[10] https://mindandbrain.charite.de/precision_psychiatry/esprit/